Wohnungsbaukrise nur „Kopfsache“?
Berlin, Oktober 2026 – In der „Welt“ argumentierte Autor Michael Fabricius am 30. Juli 2026 unter der Überschrift „Der Wirtschaft gehen die Ausreden aus – Jetzt zeigt sich, wer wirklich bauen will“, (Paywall) dass Länder Bauregeln streichen, der Bund Genehmigungen beschleunigt und niedrigere Standards ermöglicht. Sein Fazit: „Die Politik liefert.“ Daraus leitete er ab, dass die nächste Neubau-Stufe eine reine „Kopfsache“ sei. Voraussetzung hierfür seien mehr Freude an Entwicklung, Innovation und Wachstum sowie weniger Warten auf den Staat als Geldgeber.
Es überrascht nicht, dass Bundesbauministerin Verena Hubertz diesen Artikel in der Bundestagsdebatte über ihren Haushalt am 10. September bereitwillig als positives Zeugnis ihrer Arbeit anführte.
die Rede von Bundesbauministerin Verena Hubertz im Video
Es wäre jedoch besser gewesen, wenn die Ministerin nicht nur den Artikel, sondern auch das darunter stehende Abstimmungsergebnis zur Kenntnis genommen hätte. Auf die Frage „Teilen Sie die Meinung des Autors?“ antworteten bis zum 15. September 2026 lediglich 311 Leser mit Ja, während 693 mit Nein stimmten. In demokratischen Verhältnissen bedeutet dies eine klare Zwei-Drittel-Mehrheit gegen die These des Autors. Zwar bezieht sich dieses Quorum nur auf die tatsächlich Abstimmenden und nicht auf die Gesamtheit aller Leser. Dennoch sollte ein solches Ergebnis – zusammen mit den zahlreichen kritischen Kommentaren – zum Nachdenken anregen.
Ja, die Politik hat reagiert. Aber an den Realitäten vorbei. Der sogenannte „Bau-Turbo“ konzentriert sich primär auf die Schaffung von zusätzlichem Bauland. Zudem erleichtern die Novellen der Landesbauordnungen das Bauen im Bestand, weichen jedoch kaum von sicherheitsrelevanten, kostentreibenden Standards ab. Diese Maßnahmen richten sich an Akteure, die künftige Projekte planen. Für die Bewältigung der aktuellen Bauflaute sind sie jedoch wirkungslos, denn durch die Phasen von Grundstücksankauf, Planung und Genehmigung werden diese Projekte frühestens zwischen 2028 und 2030 als bezugsfertige Wohnungen am Markt wirksam.
Dabei waren Ende 2025 bereits rund 760.000 Wohnungen genehmigt, aber noch nicht fertiggestellt. Grundstücksankauf, Planung und Genehmigungsprozesse sind hier längst abgeschlossen. Bei 24 Prozent dieser Projekte fehlt die Fertigstellung von Roh- und Ausbau, bei 25 Prozent steht nur noch der Ausbau an. Bei der Mehrheit von 51 Prozent – rund 387.000 Wohnungen – wurde mit dem Bau jedoch noch gar nicht begonnen (Quelle: BBSR-Fachbeitrag, 06.Juli 2026).
Diese Projekte verfügen über Grundstücke und rechtskräftige Genehmigungen. Was oftmals fehlt, ist ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Die ursprünglichen Kalkulationen basierten auf Bauzinsen von 1 bis 2 Prozent, nicht auf aktuellen Zinssätzen von 3 bis 4 Prozent. Dadurch schwindet der Glaube, zu diesen Kosten Käufer oder Mieter zu finden. Wirksame Instrumente, um diese brachliegenden Projekte durch verbesserte Finanzierungsbedingungen oder gezielte Investitionsanreize zu beleben, sucht man vergeblich.
Die EH55-Plus-Förderung ist strukturell und finanziell so begrenzt, dass ihr Volumen nicht einmal ausreichen würde, um die Hälfte der 2026 genehmigten Wohnungsbauvorhaben zu erreichen. Zuschüsse oder steuerliche Entlastungen für Selbstnutzer fehlen völlig.
Politik agiert damit einmal mehr antizyklisch, im falschen Moment: Als Kapital in der Niedrigzinsphase im Überfluss vorhanden, aber Grundstücke knapp waren, wurden Subventionen für jeden bereitgestellt, der Bauland fand. Jetzt, wo Grundstücke mangels Finanzierbarkeit zurückgegeben werden und Projekte in die Insolvenz rutschen, soll mehr Bauland bereitgestellt werden. Gleichzeitig sollen die Mittel für den freifinanzierten Wohnungsbau im Haushalt 2027 von 3,4 Milliarden auf 2 Milliarden Euro gekürzt werden.
Diese Fehlsteuerung erklärt das eindeutige Abstimmungsergebnis und die fundierte Kritik in den Kommentaren zum Artikel und die Kritik der Branche trotz der aktuellen Baupolitik.