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„Mehr Engagement für den sozialen Wohnungsbau!“

Die Politik muss nach der Krise dort Impulse setzen, wo der Handlungsdruck schon vor Corona groß war – im sozialen Wohnungsbau. Welchen Beitrag die Mauerwerksbranche zu Schaffung bezahlbaren Wohnraums leisten kann, erläutert Thomas Bader, stellvertretender Vorsitzender der DGfM.

Thomas Bader, Firmenchef der Ziegelwerke Leipfinger-Bader, führt das Familienunternehmen, das 220 Mitarbeiter an drei Standorten beschäftigt und als eines der innovativsten der Branche gilt, in fünfter Generation. Leipfinger-Bader entwickelte als ersten Ziegelhersteller einen Online-Shop, brachte einen umweltfreundlichen Ziegel mit Holzdämmung auf den Markt und treibt die automatisierte Fertigung von Wandelementen aktiv voran. Foto: Leipfinger-Bader

Laut einer aktuellen Studie des ifo-Instituts wird der Freistaat Bayern die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise deutlicher spüren als alle anderen Bundesländer. Im Interview erläutert Thomas Bader, Inhaber der Ziegelwerke Leipfinger-Bader und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau e.V., wie sich die Pandemie auf die bayerische Bauwirtschaft auswirkt, was die dringendsten Aufgaben nach Corona sind und warum der Klimaschutz auch in Krisenzeiten nicht vernachlässigt werden darf.

Herr Bader, inwieweit wird Ihr Unternehmen durch die Corona- Schutzmaßnahmen beeinträchtigt?
Thomas Bader: Die Einhaltung der staatlichen Vorgaben ist aktuell kein Problem. Unsere Fertigung ist fast vollständig automatisiert. Die wesentliche Steuerung und Wartung der Anlagen erfolgt digital, so dass es in der Produktion zu keinen gesundheitskritischen Kontakten kommt. Auch im Vertrieb reduzieren wir die Kundenkontakte auf ein Minimum. Möglich macht dies unser LB-Online-Shop, über den unsere Kunden ihre Baumaterialen bequem per Internet bestellen können. In der Logistik, wo die Arbeit nicht völlig kontaktlos möglich ist, achten wir auf die strenge Einhaltung der Hygiene-, Abstands- und Schutzmaßnahmen. Erste Auswirkung sind hingegen auf den Baustellen spürbar. Da viele Arbeitskräfte aus dem Ausland durch die Schließung der Grenzen nicht mehr einreisen können oder in Quarantäne sind, kommt es zu Verzögerungen. Ich rechne dadurch mit einem leichten Rückgang der Baukonjunktur. Ich hoffe, dass die bayerische Bauwirtschaft im Vergleich zu anderen Branchen verhältnismäßig gut durch die Krise kommen wird.

Was sind aus Ihrer Sicht die dringendsten Aufgaben in der Zeit nach Corona?
Thomas Bader: Die Politik muss nach Corona dort Impulse setzen, wo der Handlungsdruck schon vor der Pandemie groß war – im sozialen Wohnungsbau. Hier würde ich mir seitens des Bundes und des Freistaats mehr Engagement wünschen. In Bayern ist der Bau von Sozialwohnungen fast völlig zum Erliegen gekommen. Seit Start des Wohnungspakts 2015, dessen Ziel die Schaffung von günstigem Wohnraum für Menschen mit geringen Einkommen ist, sind nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung gerade einmal 400 staatlich geförderte Wohnungen entstanden. Aus meiner Sicht wird am Bedarf und der Lebensrealität der meisten Menschen vorbeigebaut. Das lukrative Hochpreis-Segment mit Quadratmeterpreisen zwischen 6.000 und 10.000 € wird überproportional bedient, das weniger attraktive Niedrigpreis-Segment komplett vernachlässigt. Derartige Fehlentwicklungen muss der Staat mit geeigneten Maßnahmen korrigieren.

Bezahlbares Wohnen beginnt mit kostengünstigem Bauen. Ist dies angesichts stetig steigender Erstellungskosten überhaupt noch möglich?
Thomas Bader: Ist es. Allerdings erfordert die realistische Beurteilung von Gebäudekosten einen deutlich breiteren Blickwinkel. Statt uns wie bislang üblich nur auf die Erstellungskosten zu fokussieren, müssen wir die Kosten über den gesamten Lebenszyklus betrachten. Denn 85 % der Gebäudekosten entstehen erst nach dem Bau. Der größte Kostentreiber ist die Nutzungsphase. Hier schlagen vor allem die Energie- und Instandhaltungskosten zu Buche. Bei massivem Mauerwerk werden günstige Erstellungs- von geringen Energie- und Instandhaltungskosten flankiert, so dass ein Massivbau über einen Gebäudelebenszyklus von 80 Jahren und mehr immer die wirtschaftlichste Bauweise ist.

Können wir uns angesichts der zu erwartenden wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise Klimaschutz überhaupt noch leisten?
Thomas Bader: Diese Frage stellt sich nicht. Wenn wir der folgenden Generation die Welt in keinem schlechteren Zustand hinterlassen wollen als wir sie übernommen haben, müssen wir uns das leisten. Für ein familiengeführtes Unternehmen wie Leipfinger-Bader liegt eine effiziente und nachhaltige Produktion schon immer im Eigeninteresse, um wirtschaftlich sinnvoll zu produzieren und folglich wettbewerbsfähig zu sein.  Wie die gesamte Branche auch, stellen wir unsere Produktion sukzessive auf eine regenerative Energieversorgung um und investieren in die ressourcenschonende Optimierung unserer Prozesse. Auch hier bedarf es der Unterstützung durch die Politik. Die vielfach beschworene Transformation der industriellen Produktion gelingt nur, wenn Politik und Wirtschaft an einem Strang ziehen. Vor Ostern konnten wir unsere neue Recyclinganlage in Betrieb nehmen, die die sortenreine Trennung von Bauschutt ermöglicht. Auf diese Weise können wir 25.000 Tonnen Altziegel pro Jahr wieder dem Verwertungskreislauf zuführen. Ein derartiges Projekt ist selbst für wirtschaftlich solide Unternehmen ein finanzieller Kraftakt und für kleinere Unternehmen ohne staatliche Förderung nicht machbar. Ob groß oder klein – jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten und mit Unterstützung des Bundes sowie der Kommunen seinen Beitrag leisten.

Die Holzbauförderung durch die öffentliche Hand ist ein großes Thema. Wie stehen Sie dazu?
Thomas Bader: Mehr mit Holz zu bauen, ist politisch gewollt und wird entsprechend gefördert. Das muss man akzeptieren. Ohne staatliche Förderung würde es heute weder Photovoltaikanlagen noch Elektroautos geben. Was mich in der Holzbau-Diskussion immer wieder überrascht, ist die Unkenntnis der politischen Entscheidungsträger. In Gesprächen wird oft deutlich, dass vielen der Unterschied zwischen Holzmassiv- und Holzständerbauweise nicht bewusst ist. Ein massiv gebautes Holzhaus steht einem massiv gebauten Ziegelhaus qualitativ in nichts nach. Die überwiegende Mehrheit der Holzgebäude wird hierzulande aber in Holzständerbauweise errichtet. Der Holzanteil liegt hier bei gerade einmal 10 %. Der Rest besteht aus diversen Dämmstoffen, Folien sowie sonstigen meist weniger ökologischen Materialien. Derartige Gebäude haben mit einer ökologischen, nachhaltigen und langlebigen Bauweise nicht viel zu tun. Mehr Nachhaltigkeit am Bau ist aber nur durch einen Verzicht auf umweltbelastende Materialien erreichbar. Hier sind Massivbauten ökobilanziell deutlich im Vorteil. Dass sich Ziegel und Holz sehr gut miteinander kombinieren lassen, beweist unser umweltfreundlicher Ziegel mit Holzfaserfüllung. Da Kohlendioxid dauerhaft in den Holzfasern gebunden ist, hat er eine deutlich bessere CO2- Bilanz als herkömmliche Ziegel. Gemeinsame Projekte zwischen massivem Ziegel- und massivem Holzbau kann ich mir perspektivisch sehr gut vorstellen.

Sie engagieren sich im Netzwerk innovativer Massivbau Bayern, das vor zwei Jahren gegründet wurde. Sollten andere Bundesländer ein ähnliches Netzwerk einrichten?
Thomas Bader: Absolut. Ziel des Netzwerks innovativer Massivbau ist es, alle Akteure von der Planung bis zur Ausführung zusammenzuführen, um gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft zu finden. Innerhalb von zwei Jahren hat sich das Netzwerk zu einem innovativen Trend- und Technologieradar der Branche entwickelt, der wichtige Impulse für die strategische Weiterentwicklung des Massivbaus liefert. Das mit mehr als 400 Teilnehmern sehr gut besuchte Symposium im letzten November hat gezeigt, wie groß das Interesse auch seitens der kommunalen Entscheidungsträger ist. Ich würde mir wünschen, dass das Netzwerk weiterwächst, um perspektivisch aus einem noch breiter angelegten Know-how Pool schöpfen zu können.


Das Interview knüpft an das aktuelle Positionspapier des Aktionsbündnisse „Impulse für den Wohnungsbau" an.