Plakative Zahlen und Nachhaltigkeit sind unvereinbar
Vielfach begegnet man der Aussage, die Bau- und Immobilienbranche emittiere weltweit in etwa 38 Prozent der CO₂-Emissionen. Der nächste Schritt ist dann oft die Forderung, dass deshalb anders gebaut und insbesondere die mineralischen Baustoffe durch Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen ersetzen werden müssen.
In Abwandlung des dem Schriftsteller Umberto Eco zugeschriebenen Ausspruches „Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche“ möchte man in solchen Situationen laut ausrufen: „In jeder Diskussion um Klimaschutz und Nachhaltigkeit beim Bauen gibt es große Zahlen, und das sind die falschen.“
Die Geschäftsstelle Bau der Wirtschaftskammer Österreich hat sich der 38 Prozent angenommen und aufgeschlüsselt, dass sie sich zusammensetzen aus 28 Prozent für den Betrieb von Gebäuden, 9,6 Prozent für Herstellung und Transport von Bauprodukten und 0,4 Prozent für die Bauausführung.
Fast zwei Drittel der Emissionen der Bau- und Immobilienbranche kommen also aus Bereichen, die durch die Auswahl der Baustoffe im Neubau nicht beeinflusst werden, denn die Gebäude stehen bereits und der CO₂-Ausstoß entsteht allein durch ihren Betrieb.
Selbst die 9,6 Prozent aus Herstellung und Transport von Baustoffen lassen sich weiter aufspalten.
Im Jahr 2023 entfielen gemäß der Bauvolumenrechnung 71 Prozent der Investitionen auf Bauleistungen an bestehenden Gebäuden und nur 29 Prozent auf den Neubau. Nimmt man an, dass die in Sanierung und Neubau eingesetzten und transportierten Baustoffe je investierten Euro den gleichen CO₂-Ausstoß haben, läge der auf den Neubau entfallende Anteil der durch die Herstellung und den Transport für Bauprodukte unter 3 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen.
Der richtige Einstieg in die Diskussion, wie zukünftig gebaut werden soll, wäre also: „Der Anteil der weltweiten Emissionen, die durch die Produktion von Baustoffen für den Neubau von Gebäuden emittiert werden, liegt im unteren einstelligen Prozentbereich.“ Ja, das ist immer noch eine große Menge und es lohnt sich für die Reduzierung dieses Anteils weiterhin zu kämpfen.
Aber inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Klimaschutz allein nicht die Messlatte für individuelles und gesellschaftliches Handeln sein kann. Es braucht einen Ausgleich zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem. Nur dann werden nachhaltige Lösungen gefunden, die Bestand haben und einen gesellschaftlichen Frieden ermöglichen bzw. sichern.
Für diesen Dreiklang ist es nicht nur von immenser Bedeutung, welches Argument in die Waagschale geworfen wird, sondern auch, welches Gewicht und welchen Hebel es hat. Die Klärung, ob mit der Auswahl des Baustoffes beim Neubau von Gebäuden ein Anteil von 38 oder 3 Prozent am weltweiten CO₂-Ausstoß beeinflusst werden, ist damit keine Relativierung von Verantwortung, sondern ein notwendiger Schritt. Schließlich gibt es mit dem Kostenvorteil von mineralischen Baustoffen beim Bau (ca. 15 Prozent gegenüber Holzbau), den geringen Unterhaltskosten (langlebig und instandhaltungsarm), ihrer regionalen Verfügbarkeit und Wertschöpfung, sowie der dauerhaften Speicherung von CO₂ in Mauersteinen durch Recarbonatisierung weitere Argumente aus den Bereichen Soziales, Ökonomie und Ökologie, die nur bei Verwendung der richtigen Ausgangsdaten angemessen berücksichtigt werden können.
Es mag ja sein, dass Überspitzung, Vereinfachung und Überhöhung für den Anstoß der gesellschaftlichen Denkprozesse zur Berücksichtigung des vom Menschen verantworteten Anteils am Klimawandel notwendig waren. Für die richtigen Lösungen ist es jedenfalls nicht richtig. Plakative Zahlen und Nachhaltigkeit sind unvereinbar.