Normungsstrategie Mauerwerk
Die DGfM e.V. ist in Bezug auf den Mauerwerksbau der Ansprechpartner für das nationale Normungsinstitut sowie die Bauaufsichtsbehörden in Deutschland. Im Rahmen der technischen Interessenvertretung koordiniert der Arbeitsausschuss Technik die übergreifenden Normungsaktivitäten für den Mauerwerks- und Wohnungsbau.
Entscheidend für die Akzeptanz und Wettbewerbsfähigkeit von Mauerwerkskonstruktionen ist neben den Produkten selbst die Bemessungsnormung für diese Bauart. Das Thema der Bemessungsnormung wurde in den letzten Jahrzehnten ausschließlich national geregelt und fand in Deutschland in der DIN 1053-1 seinen Niederschlag. Nun rückt der Zeitpunkt immer näher, an dem die nationale Bemessungsnormung durch europäische Normenwerke in Form der Eurocodes (EC) und der dazu gehörigen Nationalen Anhänge (NA) abgelöst werden soll.
Bereits seit 2000 hatten wesentliche Entscheidungsgremien des NABau im DIN das strategische Ziel gesetzt, die nationalen Bemessungsnormen in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends nochmals zu überarbeiten und in Anlehnung an das semiprobabilistische Sicherheitskonzept der Eurocodes eine neue nationale Normengeneration einzuführen. Damit sollte den am Bau Beteiligten bereits über einen Zeitraum von mehreren Jahren die Möglichkeit gegeben werden, sich langsam an das neue europäische Normenwerk zu gewöhnen. Eine Übersicht zu den betroffenen Normen zeigt folgende Tabelle:
Eurocodes und DIN-Normen Vorwegnahme der EC-Regelungen
Eurocodes | DIN-Normen | ||
|---|---|---|---|
| Hochbau | Brückenbau | ||
EN 1990 | Grundlagen der Tragwerksplanung | DIN 1055-100 | DIN-Fachbericht 101 |
| EN 1991-1-1 | Eigengewicht, | DIN 1055-1 | DIN-Fachbericht 101 |
| Nutzlasten auf Dächern | DIN 1055-2 | ||
| und Decken | DIN 1055-3 | ||
| EN 1991-1-2 | Brandeinwirkungen | ||
| EN 1991-1-3 | Schnee | DIN 1055-5 | |
EN 1991-1-4 | Wind | DIN 1055-4 | DIN-Fachbericht 101 |
EN 1991-1-5 | Temperatur | DIN 1055-7 | DIN-Fachbericht 101 |
EN 1991-1-6 | Bauzustände | DIN 1055-8 | DIN-Fachbericht 101 |
| EN 1991-1-7 | Außergewöhnliche Einwirkungen | DIN 1055-9 | DIN-Fachbericht 101 |
| EN 1991-2 | Verkehrslasten auf Brücken | DIN-Fachbericht 101 | |
| EN 1991-3 | Kranbahnlasten | DIN 1055-10 | |
| EN 1991-4 | Silolasten | DIN 1055-6 | |
| EN 1992-1 | Stahl- und Spannbeton | DIN 1045 | |
| EN 1992-2 | Stahl- und Spannbetonbrücken | DIN-Fachbericht 102 | |
| EN 1993-1 | Stahlbau | DIN 18800 | |
| EN 1993-2 | Stahlbrücken | DIN-Fachbericht 103 | |
| EN 1994-1 | Verbundbau | DIN 18800-5 | |
| EN 1994-2 | Verbundbrücken | DIN-Fachbericht 104 | |
Beispielhaft ist hier die Normenreihe der DIN 1055 für die Lasteinwirkungsnormen oder die neue Bemessungsnorm für Stahlbeton, die DIN 1045 zu nennen. Letztere wurde bereits zum 01.01.2004 bauaufsichtlich relevant eingeführt. Die baupraktische Erprobung führte aber sehr schnell zu mehreren Hundert Änderungsanträgen, die inzwischen eingearbeitet sind und die die Notwendigkeit einer Praxiserprobung sehr deutlich belegten. Auch alle Lasteinwirkungsnormen der Normenreihe DIN 1055 sind in der überarbeiteten nationalen Fassung Anfang 2007 eingeführt worden.
Auch die Mauerwerksindustrie hat diese Entwicklung mit vollzogen und den Bemessungsteil der DIN 1053-1 zunächst an das semiprobabilistische Sicherheitskonzept angepasst. Die neu erarbeitete Bemessungsnorm für den Mauerwerksbau, die DIN 1053-100, ist im 2. Halbjahr 2006 als Weißdruck erscheinen und in die Musterliste der Technischen Baubestimmungen bauordnungsrechtlich relevant aufgenommen worden.
Das ursprünglich erklärte Ziel der Mauerwerksindustrie bestand darin, verbesserte wissenschaftliche und praktische Erkenntnisse für die Bemessung von Mauerwerkskonstruktionen noch vor dem langjährigen Inkrafttreten einer neuen europäischen Bemessungsnormung in diese zu überführen. So wurde die Überarbeitung von neuen Normenteilen der DIN 1053 – Teil 11 bis 13 noch bis Ende 2009 im zuständigen Normenausschuss voran getrieben. Ein Brief der Fachkommission Bautechnik vom 23.11.2009 machte aber klar, dass diese überarbeiteten nationalen Normen vor der Einführung der Eurocodes nicht mehr bauaufsichtlich eingeführt werden. Daher war Ende 2009 ein Strategiewechsel erforderlich. Das Bild: "Neuer Zeitplan zur Einführung des Eurocode 6" zeigt, welcher Zeitplan für die Überführung der nationalen in die europäische Bemessungsnormung für den Mauerwerksbau auf der zuständigen DIN-Spiegelausschuss-Sitzung am 25.04.2010 beschlossen wurde.
Damit war klar, dass die zuständigen Normungsgremien ab Frühjahr 2010 alle Kraft in die Fertigstellung der erforderlichen „Nationalen Anhänge“ sowie möglicher Restnormen für die geplante Einführung des Eurocodes ab 2012 einsetzen mussten. Offen blieb, ob dieser Endspurt in der Bemessungsnormung für den Mauerwerksbau gelingt und ob die Einführung des Eurocode 6 per Stichtagsregelung oder über eine längere Koexistensphase der nationalen und europäischen Normung erfolgt. Die deutlich sicherere und aus der Baupraxis gesehen sinnvollere Variante ist aus Sicht der DGfM eine Koexistensphase.
Eine ursprünglich geplante Einführung des gesamten Paketes aller Eurocodes unter gleichzeitiger Zurückziehung aller gleichartigen nationalen Normen zum 31.03.2010 war inzwischen ebenfalls verworfen worden, da für viele Bauweisen die „Nationalen Anhänge“ Anfang 2010 noch nicht fertiggestellt und in Vergleichsrechnungen erprobt waren. Gemäß einem Schreiben der Bauministerkonferenz vom 25.08.2010 an alle Verbände und Institutionen ist nun vorgesehen, die Eurocodes für nahezu alle Bauweisen im Paket mit den Nationalen Anhängen und eventuellen Restnormen zum 01.07.2012 in Deutschland einzuführen. Da zum Zeitpunkt der Versendung dieses Briefes die Nationalen Anhänge für den Eurocode des Mauerwerksbaus – EC 6 – in den zuständigen Normungsgremien noch nicht fertig waren, wurde der Mauerwerksbau in diesem Brief aus der sogenannten Stichtagsregelung zur Einführung der Eurocodes am 01.07.2012 ausgenommen.
Durch einen Endspurt hat das zuständige DINNormungsgremium des Mauerwerksbaus bei der Bearbeitung der nationalen Anwendungsdokumente fast zu den übrigen Konstruktionswerkstoffen aufgeschlossen. Die Entwürfe der nationalen Anwendungsdokumente zu den vier Teilen des EC 6 liegen seit dem 07.02.2011 vor. Bis Ende August 2012 wird über die Einsprüche beraten, sodass Ende 2011 auch für den Mauerwerksbau die vollständige fachliche Grundlage zur Anwendung europäischer Normen in Deutschland gegeben sein kann.
Wie und wann der Eurocode 6 dann eingeführt wird, ist zum Bearbeitungsschluss dieses Berichtsheftes noch unklar. Eine Variante besteht darin, dass mit einer Stichtagsregelung zum 01.07.2012 für alle Teile der Eurocodes – einschließlich des Mauerwerksbaus – die neuen Normen verbindlich werden. Bei einer durch die Mauerwerksindustrie angestrebten, zweiten Variante würden im Rahmen einer Übergangsregelung nationale Normen und Eurocode 6 eine gewisse Zeit parallel gültig bleiben. Das wird seitens der DGfM, auch zivilrechtlich, für die praxisgerechtere Lösung gehalten.
